Geschichte des Diabetes in Ostdeutschland
Um einen Überblick über die Entwicklung der Diabetologie in der DDR zu erhalten, muss bereits vor dem Jahr 1945 begonnen werden. Der Grundstein bedeutender Spezialambulanzen und Kliniken der DDR wurde mit der Verfügbarkeit von Insulin gelegt. Prof. Otto Rostoski gründete 1924 in Dresden die erste deutsche Spezialambulanz für Diabetiker an der medizinischen Klinik des Johannstädter Krankenhauses. Das erste deutsche und europäische Diabetikerheim eröffnete 1930 in Garz auf der Insel Rügen. Eine Zentrale Anlaufstelle zur Behandlung von Diabetikern richtete R. Schoen 1937 in der medizinischen Universitäts- Poliklinik in Leipzig ein, um nur einige Beispiele zu nennen.
Entwicklung nach 1945
Nach Kriegsende verschärfte sich in allen Landesteilen die ohnehin schlechte Versorgungslage der Diabetiker mit dem lebensnotwendigen Insulin. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) konnte der Bedarf durch eigene Produktion nicht vollständig gedeckt werden. Die SBZ war auf Spenden von Herstellerfirmen aus dem Ausland angewiesen. Der Schwarzmarkt blühte. Die Eigenproduktion der VEB-Berlin Chemie erhöhte sich. In den 70er Jahren musste die DDR schließlich nicht mehr auf Hilfe von "außerhalb" zurückgreifen.
Zur geregelten Versorgung und Betreuung von chronisch Kranken etablierte sich in der SBZ und der DDR das sogenannte Dispensairesystem. Auf Vorschlag von Gerhard Katsch, Professor an der Universität Greifswald, wurde ein Fachbeirat für Diabetes beim Ministerium für Gesundheit einberufen und durch die Konstituierung der "Problemkommission für Endokrinologie" 1963 erweitert.
Behandlung der Patienten
Ab 1952 war eine kostengünstige und flächendeckende Behandlung von Diabetikern gewährleistet. Erwachsene Patienten, welche Insulin bekamen, mussten sich in vierwöchigen Abständen, oral behandelte in sechswöchigen und Diät-Patienten in acht bis zwölfwöchigen Intervallen beim Kreisdiabetesarzt vorstellen. Im Rahmen der Untersuchung legte dieser auch die Dosis oraler Antidiabetika oder des Insulins fest. Wollte ein Diabetiker bei seinem Hausarzt behandelt werden, gab es keine Probleme. Jährlich organisierte das Zentralinstitut für Diabetes (ZID) Bezirks-Diabetologen Tagungen, war mitverantwortlich für die Herausgabe der periodisch erscheinenden "Zentralen Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie des Diabetes mellitus und seiner Komplikationen" und führte jährlich stattfindende Weiterbildungsveranstaltungen für Fachkräfte durch. Die steigende Zahl von Diabetikern in den 70er Jahren führte 1984 zu der Anweisung des Ministeriums für Gesundheit, dass Fachärzte für Allgemeinmedizin und Betriebsärzte ebenfalls in die Betreuung miteinbezogen werden sollen.
Die wichtigsten Zentren für die Behandlung von Zuckerkranken waren die Medizinische Universitätsklinik Leipzig, die Medizinische Universitätsklinik Halle, die Medizinische Akademie "Carl Gustav Carus" in Dresden, die Medizinische Universitätsklinik Greifswald, die Medizinische Poliklinik der Universität Rostock sowie das Diabetikerheim Garz auf Rügen.
Spezielle Betreuungsgruppen
Im gesamten Gebiet der DDR entstanden Betreuungszentren für diabetische Kinder und Jugendliche. Zum festen Bestandteil gehörten Ferienlager mit ärztlicher Betreuung, wo bis zu 800 diabetische Kinder und Jugendliche gleichzeitig versorgt werden konnten.
Die Behandlung von schwangeren Diabetikerinnen erfolgte größtenteils in der Spezialklinik Karlsburg. Durch die dort angewendete sorgfältige Stoffwechselführung und Kaiserschnitt reduzierte sich die Sterblichkeit von Mutter und Kind in den Wochen vor und nach der Geburt von 20% auf 10%.
Soziale Fürsorge
Sowohl beim Einstieg ins Arbeitsleben, als auch bei der Fortsetzung der ausgeübten Tätigkeit erhielten Diabetiker staatliche Unterstützung. Berufe wurden in ungünstige und grundsätzlich ungeeignete Tätigkeiten unterteilt. Zusammen mit der Betriebleitung versuchte man, eine geeignete Lösung zum Erhalt des Arbeitsplatzes zu finden. Berufe mit Personenbeförderung und Gefahrengüter wurde Insulin spritzenden Diabetikern meist verweigert. Junge diabetische Berufseinsteiger hatten Anrecht auf eine vorzeitige Lehrstellensuche sowie Vorrang bei der Vergabe des Ausbildungsplatzes. Im Falle einer Berufsunfähigkeit durch nachgewiesenen Komplikationen kam es zu keinerlei Schwierigkeiten. Vergünstigungen finanzieller Art hingen von dem Schweregrad der Behinderung ab.
Einzigartiges Diabetesregister
Weltweit einmalig war das Zentrale Diabetesregister. Von 1958/59 bis 1989 erfolgte eine jährliche Aufnahme und Klassifikation aller bekannten, neu erkrankten und verstorbenen Diabetiker. Die über einen Zeitraum von 30 Jahren angelegte Statistik umfasste unter anderem die Zahl der Zuckerkranken am Ende jedes Jahres, Zahl der Neuzugänge und Abgänge, Behandlungsart, Fälle mit gestörter Glukosetoleranz, personelle Besetzung der Dispensairestellen, Kinderferienlager, Arzneimittelversorgung und Problemfälle vor Ort.
Anhand dieser Daten konnten wichtige Erkenntnisse über Häufigkeit des Diabetes, Verteilung der Therapiearten und Prognose gewonnen sowie deren Qualität in den einzelnen Kreisen überprüft werden. Der Anteil der Patienten mit rein diätetischer Einstellung betrug 40 %, mit oralen Antidiabetika und Diät ebenfalls 40 % und mit Insulin behandelter 20 %.
Schulungen
Die Diabetikerschulungen fanden größtenteils in Garz auf Rügen, in Karlsburg und in Diabetes-Sanatorien statt. In den Beratungsstellen wurden individuelle und Gruppenschulungen durchgeführt. Probleme gab es bei der Versorgung der einzelnen Einrichtungen mit guten Schulungsmaterialien. Außerdem waren bis Ende der 80er Jahre Teststreifen für die Blutzucker-Selbstkontrolle eher Mangelware. Erst ab 1983/84 konnte von einer geregelten minimalen Zuteilung gesprochen werden. Harnzucker-Teststreifen waren ausreichend vorhanden. Hochwertige Produkte, wie Einweg-Plastikspritzen importierte die DDR erst zuletzt. Die Versorgung mit speziellem Insulin regelte die Regierungsapotheke in Berlin. Positiv sei angemerkt, dass alle notwendigen Medikamente kostenlos erhältlich waren. Eine abwechslungsreiche und diabetesgerechte Ernährung war zum Teil problematisch, da verschiedene Obst- und Gemüsesorten nur unzureichend vorhanden waren.
Diabetiker-Selbsthilfe Gruppen waren verboten
Ein weiteres Problem war, dass in der DDR Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen nicht geduldet wurden. Zum einen war es der politischen Führung wichtig, das Thema Diabetes ausschließlich zentral zu regeln und zum anderen dürfte man privates Engagement und der möglicherweise damit verbundenen Systemkritik gefürchtet haben. Gerhard Katsch gründete 1956 innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin das gesamtdeutsche Diabetes-Komitee. Kollegen aus Ost und West standen im regen fachlichem Erfahrungsaustausch, besuchten gemeinsame Diabetes-Symposien und veröffentlichten Forschungsergebnisse. Der Mauerbau 1961 erschwerte zunehmend die Zusammenarbeit. Ostdeutsche Ärzte wurden dazu aufgefordert eigene Gesellschaften zu gründen und Gremien der BRD zu verlassen. Mit der Gründung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft 1964 wurde das Komitee aufgelöst. 1967 erfolgte die Gründung der "Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechsel der DDR". Durch politische Auswahl konnten die ostdeutschen Ärzte nur noch begrenzt den Einladungen zu Beratungen und Tagungen in der BRD folgen. Eigene Arbeitsergebnisse konnten somit nur noch begrenzt international vorgestellt bzw. publiziert werden.
Forschung
Das ZID übernahm die Leitung und Koordination der gesamten Forschung auf dem Gebiet des Diabetes in der DDR. 1973 wurde dieser Bereich der Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der DDR in die Internationale Diabetesförderung (IDF) aufgenommen und 1980 die Hauptforschungsrichtung (HFR) "Diabetes und Stoffwechselstörungen" gebildet. Im wissenschaftlichen Rat des HFR waren fast alle Diabetologen und Lipidologen des Landes vertreten. Schwerpunkte in der Forschung des ZID in Kooperation mit dem HFR und anderen Einrichtungen waren unter anderem diabetisches Koma, Diabetes und Schwangerschaft, Prüfung von Insulinpräparaten und Therapieformen, diabetische Nephropathie und Hämodialyse, implantierbare Glukosesensoren und Eigenentwicklung von Insulinpumpen. Am 20.10.1990 trafen in Bad Lauterbach Fachärzte der Deutschen Diabetes Gesellschaft und der Diabetes-Gesellschaft der DDR zusammen und gaben eine gemeinsame Erklärung über die zukünftige Versorgung und Betreuung der Diabetiker ab.
Quelle: Bruns, Waldemar; Menzel, Ruth; Panzram, Günther; Seige, Konrad; Die Entwicklung der Diabetologie im Osten Deutschlands von 1945 bis zur Wiedervereinigung; Herausgeber: DDG, http://www.diabetesgate.de