Bei dieser nicht häufig vorkommenden Krankheit werden ganz kolossale Mengen Zucker
bis 1-2 Pfund (1/2-1 Kilogramm) besonders mit dem Harn, sowie auch mit anderen Ausscheidungen, wie Schweiß, Kotmassen etc. aus dem Körper ausgeschieden. Mit dieser Zuckerausscheidung hält auch die Flüssigkeitsmenge des ausgeschiedenen Harns gleichen Schritt und so können in
einem Tag 10-20 Pfund (vereinzelt auch noch darüber) Harnflüssigkeit ausgeschieden werden. Die Krankheit tritt entweder selbstständig oder im Gefolge oder als Ausgang anderer Krankheiten auf; namentlich gesellt sich ihr die Tuberkulose gern zu, und vorherrschend oder ausschließlich ist ihr
das männliche Geschlecht zwischen dem 20. bis 40. Jahre unterworfen.
Verkehrte Lebensweise, geschlechtliche Ausschweifungen, Genuß sauren Weines und Mostes, überhaupt von zu viel sauren Speisen und Getränken, sollen ihre mitbringenden Veranlassungen sein. Besonders nimmt man auch an, daß ein vorliegendes Leberleiden die Ursache der Krankheit mit sei, weil bei gesunden Menschen auch Zucker in der Leber gebildet wird. Diese Krankheit wird stets erst als Krankheit erkannt, nachdem sie voll ausgebildet und bereits nach gewöhnlichen medizinischen Begriffen unheilbar geworden ist.
Weil der Kranke den Ausfall an Zucker, sowie die enorme Flüssigkeitsabgabe durch gesteigerte Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme auszugleichen sucht, deshalb sind die hervortretenden
Zeichen außerordentlich gesteigerter Hunger und fast unstillbarer Durst, also Genuß von unglaublicher Menge von Nahrungsmitteln und Flüssigkeit.
Weitere Zeichen sind Abmagerung, zu der als letzte Erscheinung zumeist Lungenschwindsucht hinzutritt. Im übrigen erhält der Harn allmählich eine eigentümliche Färbung (trübe, grün opalisierend, molkeähnlich), wird häufiger gelassen und steigert sich also nach und nach bis zu bedeutenden Mengen innerhalb 24 Stunden. Mit der Farbe und der Menge wechseln auch Geruch und Geschmack in höchst sonderbarer Weise ab. Der Geruch, statt strenge, ammoniakalisch, wird fade und der Geschmack nach und nach süßlich. Eingedickt läßt sich der Zucker sogar krystallinisch aus ihm darstellen.
Fernere Zeichen sind gestörte Verdauung mit Stuhlverhaltung, höchste Abmagerung, allgemeine Schwäche, melancholische, launige Stimmung, äußerst trockene spröde, bisweilen abschilfernde Haut, Gefühl der Trockenheit im Munde und Schlunde, Veränderung in der Netzhaut und an der Linse des Auges usw.
Den einen Tag lauwarmes 26-27° R Wannenbad, den anderen Tag warmes Sitzbad nach Kneipp (S. 1772), allnächtlich Leibumschlag, morgens flüchtige 18° R Ganzabreibung. Ist Patient noch gut bei Kräften, dann wöchentlich 2 Bettdampfbäder mit darauffolgender 18° R Ganzabreibung oder 25° R Bad. Man darf bei diesem Leiden nicht zuviel Wasseranwendung machen.
Ganz reiz- und gewürzlose Kost, um den Durst nicht noch mehr anzuregen und gegen Verstopfungen Klystiere. Im übrigen Stärkungskur. Viel Genuß frischer Luft, wenn thunlich viel Bewegung im Freien, frische Luft im Zimmer, Schlafen bei offenem Fenster. Bei schon sehr vorgeschrittener Krankheit sind die Wasseranwendungsformen, wegen Mangel an Blutwärme, nur in mildester Form anzuwenden.
Nach Befinden können auch Massage, heilgymnastische Übungen, Turnen und sonstige Leibesübungen von gutem Erfolg sein. Es genügt durchaus nicht, den Kranken nur etwa solche Speisen reichen zu wollen, aus welchen der Organismus keinen Zucker bilden kann, wie das viele Ärzte heute noch annehmen, sondern die Hauptsache ist hier, den Körper durch Abhärtung und Ausscheidung so zu kräftigen und zu reinigen, sowie die Blutzirkulation wieder zu regeln, damit derselbe auch die genossenen zuckerhaltigen Speisen wieder zu gesunder Nahrung verarbeiten kann und mehr den gebildeten Zucker ganz oder teilweise unausgenützt durch den Urin abgehen läßt. Zur Abhärtung sind besonders die Kneippschen Güsse zu empfehlen und deshalb verweise ich noch ganz besonders auf die Kurvorschrift "Zuckerharnruhr" unter Kneippkur Seite 1772.
Dr. Schreiber schreibt in seinem Buche: In einzelnen Fällen wird man die Muskelübung für eine spätere Zeit verschieben oder ganz untersagen müssen. Ein anderes Mal wiederum dürfte es gut sein, die aktiven Bewegungen durch mechanische Eingriffe (Drücken, Kneten, Hacken) zu ersetzen oder die letzteren den aktiven Bewegungen vorausgehen zu lassen.
Zimmer hat auch Zuckerharnruhr schwerer Form beobachtet, bei welcher Muskelübung von gutem Erfolg begleitet war, so daß die schwere Form wenigstens in die leichte überführt wurde, und er kommt zu dem Schlusse, daß die Wirkung der Muskelarbeit in vielen Fällen eine nachhaltigere ist als die von Rollo angegebene Diät.
Da es sich bei Zuckerharnruhr um energische Thätigkeit sämtlicher Muskeln des Körpers handelt, so werden jene Übungen die zweckmäßigsten sein, bei denen alle größeren Muskelgruppen in gleicher Weise angestrengt werden.
Aus diesem Grunde werden sich Übungen an allen in heilgymnastischen Anstalten vorhandenen Apparaten (Barren, Reck, Leiter, Schweberinge), der Reihe nach vorgenommen, empfehlen. Von den sonstigen Leibesübungen dürfte Reiten in raschem Temp und Fechten einen guten Effekt erzielen. Siehe auch noch "Zuckerharnruhr" unter Kneippkur. (Näheres über "Massage", "Heilgymnastik", "Kneippkur", sowie Anwendungsformen siehe Inhaltsverzeichnis.)