August der Starke Schuld am Diabetes in Sachsen ?

Sachsen und das Metabolische Syndrom

Runder Bauch, entgleister Zuckerspiegel, Fett im Blut: Beim Metabolischen Syndrom ist der Stoffwechsel gefährlich aus dem Gleichgewicht geraten. Es drohen Diabetes, Schlaganfall und Herzinfarkt. In leichten Fällen helfen Diät und Sport, in schweren nur noch Medikamente

Von Harro Albrecht und Achim Wüsthof in einem Artikel aus "DIE ZEIT"

Dresden ist grau an diesem Nachmittag Ende November. Im Café Eisold schräg gegenüber vom Haupteingang des Universitätsklinikums suchen einige Patienten Trost am Kuchenbuffet: Donauwellen locken dort und Christstollen natürlich. Ein Kunde im Jogginganzug ordert sächselnd weich eine »Eierschegge mit Rosinen«, eine kompakte örtliche Pudding-Quark-Spezialität, die hochdeutsch Eierschecke heißt. An einem Tisch sitzt ein älterer Herr mit Krücken und versüßt sich mit einem Kuchenstück den Tag. »Mer Sachsen sind ein süßes Volk«, erklärt ein Cafébesucher mit schwellendem Bauch, »Eierscheggen, Gräbbelschen, Quarggäulschen…, mer sind die Kuchenhochburg der Nation.«

Die barocke Kost, ihre gesundheitlichen Folgen und wissenschaftliche Pionierarbeit machen Dresden zum idealen Rechercheort für eine unter Laien weitgehend unbekannte Stoffwechselstörung. Ungesunde Fette fluten die Adern, die Eingeweide verfetten, das schützende HDL-Cholesterin schwindet. Der Blutzuckerspiegel steigt, und der Blutdruck klettert in ungesunde Höhen. Liegen drei dieser fünf Faktoren außerhalb des Normbereichs, sprechen die Mediziner von einem Metabolischen Syndrom; einer aggressiven Erkrankung, die die Blutgefäße angreift und das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt erheblich steigern kann. Obwohl das Metabolische Syndrom in den Leibern von schätzungsweise 30 Prozent aller Deutschen über 40 wütet, ist es in der Bevölkerung kaum bekannt.

Das Metabolische Syndrom ist ein kompliziertes Konzept, und die Betroffenen spüren sehr lange nichts von ihrem entgleisten Stoffwechsel. Viele Experten halten es dennoch für eine der größten Bedrohungen der Gesellschaft. »Wenn unser Gesundheitswesen überleben will, muss man dort angreifen«, wird Ruth Strasser, Kardiologin und Chefin des Dresdner Herzzentrums, am Ende dieses Tages sagen.

Nur 50 Meter vom Café Eisold entfernt beforscht Markolf Hanefeld das Syndrom. Der Mann ist Leiter des Zentrums für klinische Studien und hat den gefährlichen Symptomenkomplex Anfang der siebziger Jahre weltweit zum ersten Mal präzise definiert. Schon in den zwanziger Jahren war Ärzten aufgefallen, dass verschiedene schädliche Stoffwechselzustände häufig gemeinsam auftreten. Solche Häufungen, für die noch keine gemeinsame Ursache gefunden wurde, nennen Mediziner »Syndrom«. Es ist letztlich eine Hilfskonstruktion, eine Diskussionsgrundlage bis ein plausibler Krankheitsmechanismus gefunden worden ist – oder aber die Idee aufgegeben wird. Das Metabolische Syndrom kursierte bereits unter dem Namen Insulinresistenz, Syndrom X, »Tödliches Quartett« oder auch Wohlstandssyndrom.

Der Terminus Wohlstandssyndrom verdeutlicht das Problem vielleicht am besten. Die Betroffenen sind fast immer übergewichtig. Das Fett lagert nicht nur in Form von Speckröllchen unter der Haut, sondern gedeiht vor allem um die inneren Organe herum. Die drei Hauptursachen für diese Polsterverteilung sind hinlänglich bekannt: Überernährung, Bewegungsmangel und eine genetische Veranlagung.

Das trifft die Sachsen hart. Die sächsische Bevölkerung gehört im Ländervergleich zu den Deutschen mit dem durchschnittlich höchsten Körpergewicht. »Und sie hat ein extrem hohes Auftreten von Diabetes«, erklärte Ruth Strasser auf der Herbsttagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie und lieferte auch gleich eine Erklärung für die Malaise. Die ginge möglicherweise auf einen berühmten Sachsen zurück. In seinen prallsten Jahren, um 1720, wog Kurfürst August der Starke bei 1,76 Meter Körpergröße rund 120 Kilogramm. Der übergewichtige Regent hatte wahrscheinlich hohen Blutdruck, Diabetes und eine Fettstoffwechselstörung. Und er aß nicht nur gern, er pflanzte sich auch leidenschaftlich fort. 267 Kinder soll er gezeugt haben, 50 Familienlinien hat er wohl im Raum Dresden gegründet und ihnen seine Gene hinterlassen. Noch heute wachsen dort – in Kombination mit der überlieferten kalorienreichen Kost – die Wampen.

Normalerweise betrachten und therapieren die Ärzte jede Folgeerscheinung dieser ungesunden Lebensweise einzeln: Der Zuckerkranke erhält vom Diabetologen Diätpläne und zuckersenkende Medikamente, der Bluthochdruckpatient vom Kardiologen Betablocker, und die Cholesterinfracht im Blut wird mit Statin-Tabletten reduziert. Weil übergewichtige Menschen über 60 eben häufig mehrere Stoffwechselprobleme haben, müssen sie viele Ärzte besuchen und jeden Tag ein Dutzend Pillen schlucken.

Diese beschränkte Sicht auf einzelne Probleme war es, die Markolf Hanefeld auf den Plan rief. »Als wir die Definition des Metabolischen Syndroms entwickelten«, sagt Hanefeld, »war die Innere Medizin in scharf abgegrenzte Teilgebiete zersplittert.« Man müsse aber akzeptieren, dass die Krankheiten sehr eng miteinander verbunden seien. Findet man eines der Symptome, beträgt die Wahrscheinlichkeit, eines der anderen zu entdecken, 30, 40 oder 50 Prozent. Bei der Hälfte aller Patienten mit Bluthochdruck wird beispielsweise auch eine Frühform von Diabetes gefunden – eine Zuckerstoffwechselstörung, bei der Muskeln und Leber nicht mehr hinreichend auf Insulin reagieren. »Die Kombination von Einzelerkrankungen kann das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden, drastisch erhöhen«, sagt Hanefeld. Hat jemand einen Bluthochdruck, einen gestörten Zuckerstoffwechsel und ein zu niedriges HDL-Cholesterin, liegt das Herzinfarktrisiko 12-mal höher als bei einem gesunden Menschen. Das hat praktische Konsequenzen: Der Kardiologe müsse nicht nur den Blutdruck messen, sondern auch regelmäßig die Zuckerwerte kontrollieren. Das Metabolische Syndrom mahnt auch Ärzte zur Disziplin.

Doch Hanefeld ist sich der Grenzen des Konzepts bewusst. Weil jeweils neben der bauchbetonten Fettsucht zwei weitere von fünf Bedingungen für die Diagnose erfüllt sein müssten, ergäben sich zwölf verschiedene Kombinationen. »Jede hat natürlich ein anderes Risiko«, sagt Hanefeld, »im Grunde gibt es zwölf verschiedene Formen des Syndroms.« Manche sind brandgefährlich, andere lässlich. Wichtig sei in jedem Fall, wie der genetische Hintergrund aussähe, sagt Hanefeld. »Wenn in Ihrer Familie trotz Bauch alle 90 geworden sind, dann überwiegen wohl die positiven Faktoren, und Sie können gleich noch eine Lebensversicherung abschließen.«

Viel Sport, viel Fisch und wenig Zucker – das ersetzt manche Pille

Das Credo des Stoffwechselexperten ist die integrierte Therapie. Nicht die einzelne Störung, sondern alle zusammen müssten ins Kalkül gezogen werden. Wer einen zu hohen Blutdruck habe und eine Zuckerverwertungsstörung, rät Hanefeld, solle nicht etwa Betablocker und ein harntreibendes Mittel bekommen, »denn es ist bekannt, dass dadurch erst viele einen Diabetes entwickeln. Außerdem nehmen die Patienten häufig ein bis zwei Kilogramm zu.« In diesem Fall sei ein ACE-Hemmer oder ein Sartan geeigneter, die auf das Blutdruck regulierende Angiotensin-System einwirken. »Damit hat man einen milden Effekt auf die Blutfette, und die Therapie ist gewichtsneutral.« Die richtige Auswahl erspare den Patienten viele Tabletten, sagt Hanefeld.

Bevor man aber eine »pharmakologische Bombe werfe«, müsse man den Patienten ins Gewissen reden. Hanefeld rät zu einer Strategie, die auch nach einem Herzinfarkt eingesetzt wird: »Ausdauersport von zwei bis drei Stunden die Woche, keine gesättigten Fette, reichlich Fisch mit Omega-3-Fettsäuren darin. Süßigkeiten weglassen!«

Trotz all der Konkretisierung bleibt das Metabolische Syndrom vorerst ein diagnostisches Konzept für eine Symptomhäufung, deren gemeinsame Ursache noch nicht gefunden ist. Das ist vielen Ärzten und Wissenschaftlern zu wenig. Sie rebellieren. Gegen den »Mythos vom Metabolischen Syndrom« polemisierte im Juni der amerikanische Diabetologe Edwin Gale in der Fachzeitschrift Diabetologia. In derselben Ausgabe veröffentlichten die beiden Dachorganisationen American Diabetes Association und European Association for the Study of Diabetes eine vernichtende Stellungnahme. Fazit: Die gemeinsame Würdigung der verschiedenen Krankheiten hätte keinen Vorteil gegenüber einer Einzelbetrachtung, außerdem würden durch ungerechtfertigt niedrige Grenzwerte für Bauchumfang, Blutfette und -zucker Millionen Menschen künstlich zu Kranken gemacht. Solange genauere Erkenntnisse über eine gemeinsame Ursache fehlten, lautete der Rat an die Kollegen, solle man den Ausdruck »Syndrom« doch bitte unterlassen. »Die Autoren haben meiner Meinung nach mit ihrer Kritik Recht«, sagt Wolfgang Kerner, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Vor zwei Wochen lieferte er sich mit Hanefeld bei einer Fortbildungsveranstaltung ein Pro und Kontra. Vor der Diskussion teilten 18 Prozent der Teilnehmer Kerners Kritik, hinterher waren es immerhin 22 Prozent. Das Gros der Medizinerschar glaubt also an das Metabolische Syndrom. »Die Hanefelds sind überall«, sagt Diabetologe Kerner.

Auslöser für den Disput waren neue, schärfere Grenzwerte für einzelne Faktoren des Metabolischen Syndroms. Die International Diabetes Federation (IDF) beschloss in diesem Jahr, dass ein Blutzuckerwert von nüchtern über 100 Milligramm pro Deziliter schon bedenklich sei. Vor drei Jahren fand eine andere Organisation noch 110 Milligramm pro Deziliter akzeptabel. Der Bauchumfang einer Frau durfte damals 88 Zentimeter nicht überschreiten, die Plauze des Mannes 102 Zentimeter. Inzwischen gelten straffe 80 Zentimeter bei Frauen und 94 Zentimeter bei Männern. Es sei denn, man hat seinen Wohnsitz in den USA. Die IDF-Experten forderten einen nationalen Rabatt: Amerikaner sollen weiter nach den alten, großzügigeren Bauchumfängen behandelt werden dürfen.

Nicht nur Hanefelds Kritikern ging diese radikale Schlankheitskur auf dem Papier zu weit. Hanefeld selbst hat auch Bedenken. Lege man die IDF-Definition zugrunde, gälten plötzlich nicht nur 30 Prozent, sondern die Hälfte aller Menschen über 40 als krank. Ein paar Frauen in Hanefelds Abteilung griffen sofort zum Maßband und waren erschrocken: Nach der IDF-Definition waren viele plötzlich zu rund. »Dann kann man ja gleich sagen, wir haben alle Metabolisches Syndrom«, findet Hanefeld, der selbst ein kleines Bäuchlein vor sich her trägt. Die Pharmaindustrie indes wird sich natürlich freuen, brauchen dann doch auch viel mehr Menschen Medikamente.

Aber an der Nützlichkeit des Begriffs Syndrom hält Hanefeld eisern fest. »Ich habe die Artikel der Kritiker dreimal gelesen«, sagt der Arzt. »Dass die Symptome gehäuft zusammen auftreten, bestreiten die nicht.« Ohnehin müsse man das ganze Konzept flexibler betrachten. Blutzucker und Fettwerte seien Kontinua, Grenzwerte mehr oder weniger künstlich. Bei einem Blutfett-Limit von 150 Milligramm Triglyceride pro Deziliter sei es eben auch bedeutsam, ob der Wert mit 155 knapp darüber liege oder auf 300 explodiert sei. Stammt jemand dann noch aus der Erblinie von August dem Starken, sollte er dringend etwas unternehmen. Auch beim Body Mass Index (Gewicht durch Größe zum Quadrat) entscheidet sich im Grenzbereich zwischen 25 und 30, ob ein zusätzliches Metabolisches Syndrom gefährlich wird – über 30 ist es das auf jeden Fall.

Es ist spät geworden im Café Eisold, der »Diabetes-Laden« auf der anderen Straßenseite schließt bald. Nun findet Ruth Strasser, Leiterin des Herzzentrums, Zeit für ein Gespräch. Als Erstes bestellt die schlanke Frau ein Tellerchen Süßigkeiten: »Ich habe den ganzen Tag nur ein Brötchen gegessen.« Tagaus, tagein behandelt sie die Folgen des Metabolischen Syndroms. Verkalkte Herzkranzgefäße und Infarkte. »Als ich vor fünf Jahren aus Heidelberg kam, war ich schon erstaunt, wie viele Patienten hier korpulent waren«, sagt die Kardiologin.

Bei ihrem Eintritt in die Klinik testete sie bei allen Patienten, die wegen Problemen mit den Herzkranzgefäßen zu ihr kamen, auch den Zuckerstoffwechsel. 86 Prozent aller Patienten waren auffällig. »Fünf Jahre später wiederholten wir die Studie«, sagt Strasser, »jetzt sind es 96 Prozent.«

Zwischen gesund und krank gibt es ein Kontinuum aus Zwischenwerten

Die große Frage aber ist, wie so oft in der inneren Medizin: Ab wann ist jemand krank? Ist das schon der Fall, wenn die Arteriosklerose im Alter von zwanzig Jahren beginnt, oder erst mit Siebzig, wenn der Patient durch einen Herzinfarkt gestorben ist? »Das Metabolische Syndrom steht für einen fließenden Übergang von ›gesund mit Risikofaktoren‹ bis zur Manifestation von Gefäßschäden«, sagt Strasser. Und dann wird die Ärztin energisch: »Es genügt eben nicht, den Blutdruck zu senken und – Entschuldigung – weiterzufressen. Man muss den Blutdruck senken, auf die Fette achten und sich bewegen«. Deshalb sei der Ausdruck Metabolisches Syndrom auch so griffig, »weil er sagt: Guck auf alles.« Schon bald will Strasser daher ein »Zentrum für Prävention und Gesundheit« am Ort aufbauen und mit der Aufklärung bereits in den Schulen beginnen. »Wir müssen lernen, dass wir exzellent leben können, auch ohne Askese«, sagt Strasser und klaubt einen weiteren Vollkornkeks aus der Schale.

Vielleicht findet sich doch noch eine gemeinsame Erklärung für das Phänomen, die alle zufrieden stellt. Vieles deutet darauf hin, dass das Metabolische Syndrom eigentlich Bauchfett-Krankheit heißen müsste. Die meisten Menschen, die unter Diabetes und Gefäßverkalkung leiden, sind rund – und zwar in der Bauchmitte. »Dabei spielt die unschuldig anmutende Fettzelle eine entscheidende regulatorische Rolle«, schreibt der Lübecker Internist und Bauchfett-Forscher Johannes Klein. Bisher galt das Fettgewebe hauptsächlich als Organ zur Speicherung und Verbrennung von Energie in Form von Fett. Aber speziell das Bauchfett ist ein extrem aktives Organ: Es schüttet Hormone aus, reguliert den Salz- und Wasserhaushalt im Körper, greift Blutgefäße an und lässt Blutgefäße wachsen, es beeinflusst die Blutgerinnung und reguliert den Appetit. Fast monatlich gibt es neue Meldungen, welche Stoffe das Bauchfett noch in die Blutbahn entlässt. Inzwischen darf das Bauchfett als eine endokrine Drüse gelten – wird sie zu groß, läuft der ganze Stoffwechsel aus dem Ruder.

Und das Bauchfett widersetzt sich heftig dem Abbau durch Diät. Einmal durch reichlich »Eierscheggen« angelegt, kann man es nur noch mit viel Bewegung mobilisieren. Menschen, die ihr Fett genetisch bedingt im Bauch und nicht an den Hüften ablagern, sind in dieser Hinsicht schlechter dran – weswegen Frauen bis zur Menopause etwas besser dastehen. Danach aber holen sie mächtig auf. Je früher das Metabolische Syndrom einsetzt, desto riskanter. Schon bei Kindern beobachtet die Kardiologin Strasser das Problem: »Dick, adipös, Kohlenhydrate ohne Ende, gestörter Zuckerstoffwechsel. Die fangen schon ganz früh an.«

Ärzte wie Johannes Klein hoffen, dass sich das komplexe Stoffwechsel-Konzert bald mit Medikamenten günstig manipulieren lässt. Bis dahin wäre er froh, wenn seine Kollegen von der kardiologischen Abteilung und die Chirurgen konsequenter den Zuckerspiegel ihrer Patienten messen würden. Und wenn die Patienten mehr Selbstverantwortung übernehmen würden. In Dresden läuft bis Heilig-abend der 571. Striezelmarkt. Höhepunkt am zweiten Advent war das Stollenfest. Ein Christstollen, 4020 Kilogramm schwer, wurde in einem Festumzug vom Zwinger zum Altmarkt gefahren und dort portionsweise verkauft. Rund 16 Millionen Kilokalorien für die Nachfahren von August dem Starken.

Metabolisches Syndrom und DiabetesStatistik

»Honigsüßer Durchfluss«, lateinisch Diabetes mellitus, heißt die Zuckerkrankheit wegen des süßen Urins, den die Kranken ausscheiden. Die Stoffwechselstörung lässt Menschen erblinden, zerstört ihre Nieren, führt zum Herzinfarkt und behindert die Wundheilung. Weltweit seien 171 Millionen Menschen betroffen, warnt die Weltgesundheitsorganisation. In vielen Entwicklungsländern wird der Diabetes zu einem immer größeren Problem, besonders in Asien. Und weil die Menschen immer dicker werden, könnten 2030 bereits 366 Millionen zuckerkrank sein.

In Deutschland leiden nach groben Schätzungen vier Millionen Menschen unter einem Diabetes. Zwei Formen sind vor allem verbreitet. Der Typ-1-Diabetes entsteht durch den Mangel des Stoffwechselhormons Insulin. Die Insulin produzierenden Zellen werden durch einen entzündlichen Prozess zerstört.

Dieser Insulinmangeldiabetes beginnt meist im Kindes- oder Jugendalter. 90 Prozent aller Diabetes-Kranken aber entwickeln den Typ-2-Diabetes. Hauptursachen sind Übergewicht zusammen mit einer genetischen Veranlagung. Der Typ-2-Diabetes entsteht zum einen durch eine verminderte Empfindlichkeit der Körperzellen für Insulin (Insulinresistenz), zum anderen führt eine jahrelange Überproduktion des Hormons zu einer Erschöpfung der Insulin produzierenden Zellen. Der Typ-2-Diabetes wird auch Altersdiabetes genannt, da er meist erst im späten Erwachsenenalter beginnt. Es mehren sich jedoch auch Fälle bei stark übergewichtigen Jugendlichen.

Das Metabolische Syndrom wird oft als eine Vorform des Diabetes beschrieben, ein so genannter Prädiabetes. Menschen mit Metabolischem Syndrom haben nüchtern einen abnormal erhöhten Zuckerspiegel im Blut. Sie sind gefährdet, später an einem Typ-2-Diabetes zu leiden.

Weil die Definition des Metabolischen Syndroms in den vergangenen 30 Jahren häufig geändert wurde, existieren keine genauen Daten über die Verbreitung der Stoffwechselstörung. Um die 30 Prozent aller Erwachsenen könnten in Deutschland betroffen sein, weltweit 314 Millionen Menschen. In Indien sind es acht Prozent der Männer, in Frankreich sieben Prozent der Frauen und im Iran 43 Prozent der Frauen. Das Syndrom ist offenbar besonders in der Unterschicht verbreitet. In einer dänischen Untersuchung hatten nur zehn Prozent der gut ausgebildeten Teilnehmer die Krankheit, dafür aber 26 Prozent der Teilnehmer mit der schlechtesten Ausbildung. Ein Faktor ist vermutlich, dass billigere, oft zucker- und fettreiche Ernährung eher dick macht. Die Eltern mit dem niedrigsten Bildungsgrad haben in vielen Ländern auch am häufigsten prädiabetische Kinder.

Neben Kalorienreduktion scheint Sport das wichtigste Mittel gegen das Metabolische Syndrom zu sein. Neun Jahre lang untersuchten amerikanische Ärzte regelmäßig 6000 Frauen, die keine Anzeichen für Herzkrankheiten aufwiesen. Diejenigen mit einem Metabolischen Syndrom hatten ein 57 Prozent höheres Risiko, im beobachteten Zeitraum zu sterben. Die Ausnahme waren sportliche Frauen. Sie hatten trotz der Stoffwechselstörung kein erhöhtes Sterberisiko. Menschen mit besonders schwerem Metabolischem Syndrom hilft Sport allein jedoch nicht mehr. Sie brauchen Medikamente.

(c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51


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